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Und so kam dann doch noch der Kulturschock

Autor: Luise | Datum: 20 April 2013, 14:37 | Kommentare deaktiviert

48h ist es her, dass ich noch auf ghanaischem Boden war, 48h ist es her, dass ich noch einmal in meinem Zimmer nur mit einem dünnen Tuch und durch einen Stromausfall bedingt ohne Ventilator geschlafen habe, 48h ist es her, dass ich bei 38°C schwitzend durch Ho gelaufen bin, um ein paar meiner liebgewonnenen Freunde zu verabschieden, 48h ist es her, dass ich noch der „Yewu“ war, 48h ist es her, dass ich die letzten Stunden in Ghana verbracht habe – einem Land was ich lieben und schätzen gelernt habe.

Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen dieses Land, Ho und meine Arbeitsstellen zu verlassen und ghanaische Freunde, sowie meine Mitfreiwilligen zurückzulassen. Rückblickend bin ich schlauer geworden und habe für mich gelernt, dass ich das nächste Mal nicht darauf bestehen werde nur für ein halbes Jahr wegfahren zu wollen. Es ist überhaupt nicht so, dass diese sieben Monate zu kurz waren, um richtig anzukommen, ins ghanaische Leben rein zu finden und sich einen Alltag aufzubauen, aber gerade weil ich mir dort ein Leben geschaffen habe, fällt es so schwer das alles zu verlassen und zu wissen, dass die anderen Freiwilligen noch drei oder mehr Monate haben weiter dieses Leben zu führen, weiterhin in den Arbeitsstellen zu sein und auch mit Bekanntschaften noch engere Bande aufzubauen. Ich muss auf jeden Fall einen Weg finden mich damit abzufinden, dass es allein meine Entscheidung war kein ganzes Jahr zu bleiben und dass ich mich eher wahnsinnig darüber freuen sollte diese fantastischen Monate gehabt zu haben, als mich darüber zu ärgern, dass ich noch weitere drei Monate in diesem wunderbaren Land hätte haben können.

Die Abschiede waren meistens von der anderen Seite tränenreich, wobei ich, glaube ich, immer gar nicht richtig realisieren konnte, dass das wirklich der Abschied bedeutete. Mich überkam die Trauer meistens in ruhiger Minute, wenn ich Zeit hatte mir wirklich klar zu machen, dass ich in den Flieger steigen würde und am anderen Ende wieder in Deutschland ausgespuckt werden würde.

Ich wurde zum Schluss noch mit Geschenken der Gemeinde in der ich immer war, meiner Kekeli Schule, dem Headquaters der E.P. Church und von Godwin, dem liebsten und hilfsbereitesten Ansprechpartner überhäuft. Ein ghanaisches Gewand wird mir sogar noch von der Bäckereifamilie hinterhergeschickt, da es nicht fertig geworden ist.

Somit bin ich mit drei gefüllten Koffern plus vollem Handgepäck nach Accra zum Flughafen gefahren. Beim Verlassen von Ho wurde mir dann endgültig klar, dass das erst mal die letzte Fahrt durch diese Stadt war. Der erste Schock kam jedoch erst beim Anflug auf Istanbul, als ich die Stadt von oben sah und beim Landen an gigantischen Häusern, ausgebauten Straßen und kahler Landschaft vorbeigeflogen bin, der nächste Schock folgte sogleich, als ich das Flugzeug verließ und von der Kälte übermannt wurde. Die dritte Überforderung ließ auch nicht lange auf sich warten und es war zu meinem eigenen Erstaunen ein Schock für mich plötzlich fast ausschließlich hellhäutig um mich herum zu sehen.

Ich kann mich nur zu gut daran erinnern, wie Augustin, Maike und ich auf dem Hinweg in Istanbul zu unserem Gate gegangen sind, von wo aus der Flug nach Accra gehen sollte und wir plötzlich bis auf ein oder zwei Ausnahmen die einzigen Hellhäutigen waren. Und ich kann mich auch gut erinnern, wie wir dann gelandet sind und dieser Flughafen uns so winzig vorkam. Als ich jetzt wieder zu diesem Flughafengebäude zurück bin, hat mich die Größe überrascht und was mir am Anfang als kleiner, unkoordinierter Flughafen vorkam, war für mich nach einem halben Jahr plötzlich ein bemerkenswert gut und imposant gebautes Gebäude. Da wurde mir irgendwie auch klar, wie sich meine Wahrnehmung gegenüber Reichtum und Luxus geändert hatte. Dies wurde mir nach dem Landen in Hamburg umso deutlicher. Auf mich wirkte alles so groß, überfordernd und luxuriös, fast schon steril, kahl und trist. Wo waren die Farben hin? Wo war die Wärme der Sonne hin?

Wo mich vorher eine freudige Antwort erwartet hat, wenn ich mich mit meinen Ewe-Kenntnissen versucht habe, hießen mich nun Gespräche über Start-Stop-Systeme und Zahnarztbesuche willkommen. Während sich alle über den kommenden Frühling und die zwanzig Grad freuten und sich die erste Leute das erste Mal nur mit einem T-shirt und kurzer Hose bekleidet nach draußen wagten, saß ich bibbernd vor Kälte mit Wollsocken, zwei Pullovern, Mütze, Schal und Handschuhen bewaffnet in der Wohnung und sehnte mich zurück nach Ho.

Den ganzen Tag versuchte ich mir krampfhaft vorzustellen, wie es ist zu schwitzen und wie die Hitze die Luft erfüllt, wie die Straßen von Ho aussehen, unser Haus und was alle Lieben „Daheim“ wohl gerade so tun. Ich fühlte mich fremd in dieser für mich winterlichen Landschaft, unter den ganzen deutschsprechenden Menschen, in meinem eigenen Heimatland…

Es ist immer noch viel zu irreal und unbegreiflich, dass ich jetzt wieder in meinem Zimmer bin und es schockiert mich, dass es mir hier in dieser Kälte so schwer fällt mich irgendwie gedanklich wieder nach Ho zu versetzten, obwohl ich vor 48 Stunden gerade selber noch dort war. Ich sitze in meinem Bett, habe einen Schlafanzug an und es stapeln sich zwei Decken über mir, damit ich nicht friere und esse die mitgebrachten Plantainchips, die irgendwie plötzlich so ohne Hitze gar nicht mehr so gut schmecken.

Ich vermisse die Geräusche und den Lärm, der ständig um einen rum ist und ich wünschte sogar den nervigen Hahn und die nachtaktiven Vögel ums Haus wieder herbei, die das Geräusch vorbeifahrender Autos ersetzen würden. Auch wenn ich hier Brötchen und Käse und all die Dinge habe, die ich mir in Ghana immer herbei gesehnt habe, macht mich das plötzlich nicht mehr so glücklich, wobei ich gedacht hätte, dass genau das wiedergewonnene Essen mich vertrösten könnte. Sicher es ist schön einfach Wasser aus der Leitung zu trinken, Salat ohne Bedenken essen zu können, Milchprodukte und ständig Strom zu haben, aber ich habe gelernt auch ohne dies zu leben und abgesehen von den ständigen Magenproblemen hat es mich glücklich gemacht ohne großen Schnickschnack zu leben, wobei wir in unserem riesigen Haus und mit dem Supermarkt in Ho immer noch in echt gutem Luxus gelebt haben.

Nun heißt es wieder Klamotten in die Waschmaschine tun, anstatt sich morgens in den Innenhof zusetzen, seine Wäsche zu waschen und diese am Nachmittag von der Sonne getrocknet frisch duftend wieder abzuhängen. Der Müll wird getrennt und muss vor die Tür gestellt werden und nicht hinterm Haus eigenständig verbrannt werden. Das dreckige Geschirr wird nicht von Ameisen befallen, wenn es zu lange rumsteht, sondern in eine Maschine gestellt, die für einen den Abwasch macht. Nun dusche ich wieder warm – ohne würde ich wahrscheinlich auch endgültig erfrieren- und die Haare trocknen nicht mehr durch die Sonne, sondern unter einer Mütze. Um irgendwo hinzukommen, kann man nicht einfach ein Taxi anhalten, was einen für umgerechnet 20Cent überall hinbringt wo man hinmöchte und man zahlt wieder seine 2,20€ für eine lächerlich kurze Strecke mit der BSAG. Von daher steige ich bei den für mich gefühlten Minusgraden lieber wieder auf mein Fahrrad und fahre durch die mir bekannte und irgendwie auch fremd gewordene Stadt.

 

Es wird nachträglich noch ein Bericht über die Ostertage in Ghana und ein paar Bilder folgen, nun werde ich aber erst mal versuchen mich wieder zu akklimatisieren und resozialisieren.

Allerliebste Grüße und vielen Dank für alle begeisterten Leser, während meiner Zeit in Ghana!

Eure Luise (Sister Afi)