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Weihnachten, Silvester, davor und danach

Autor: Luise | Datum: 18 Januar 2013, 19:10 | Kommentare deaktiviert

Die Adventszeit gestaltete sich um ehrlich zu sein nicht sehr weihnachtlich und für mich relativ krankheitsreich. Nachdem mich mein grummelnder Magen für ein paar Tage in Schach gehalten hatte, war ich anschließend für eine Woche am Gehen gehindert, da ich mir bei einem Sturz beim Volleyballspielen mein Knie ordentlich demoliert hatte. Als ich mich gerade wieder einigermaßen fortbewegen konnte, ohne wie ein einbeiniger Pirat mit Holzbein zu humpeln, fand eine Malariamücke den Gefallen daran mich zu stechen und mir eine weitere Woche im Bett aufzuzwingen.

Pünktlich zu den letzten drei Schultagen war ich wieder auf den Beinen und habe diese mit viel Spielen auf dem Schulhof mit den Kindern verbracht und eine kleine Weihnachtsfeier in der Kekeli Schule miterlebt. Der mit den Kindern gebastelte Adventskalender konnte zu meinem Bedauern aber leider nicht mehr in Aktion treten.

Dafür wurde das Weihnachtsfest aber umso schöner. Zusammen mit meinen beiden Mitbewohnern, Augustin und Maike, und weiteren fünf Freiwilligen habe ich den Heilig Abend gemütlich beisammen sitzend verbracht. Die zuvor besorgten Köstlichkeiten, für die wir extra in die Hauptstadt gefahren sind, haben wir zu einem wunderbaren 3-Gänge-Menü verwandelt – Bruscetta zur Vorspeise, Nudeln in Käsesahnesoße als Hauptgericht und einen Apfelkuchen als krönenden Abschluss. Unsere Veranda, sowie eine selbstgefällte Weihnachtspalme, haben wir mit selbstgebasteltem, von zu Hause geschicktem und von Vorfreiwilligen dagelassenem Weihnachtsbaumschmuck schön hergerichtet. Den Tag über wurde hier und da noch heimlich getan und getuschelt, Geschenke eingepackt, fertig gebastelt und vereinzelt auch noch auf den letzten Drücker besorgt, Kekse gebacken, die Wohnung aufgeräumt und letzte Besorgungen für das Essen gemacht – ein rundum hektisches Treiben eines alljährlichen 24. Dezembers, was zunehmend zu einer altbekannten weihnachtlichen Vorfreude unter uns allen führte. Nach dem köstlichen Essen am Abend gab es bei Kerzenschein und klassischen Klängen eine doch erstaunlich umfangreiche Bescherung unter unserer Weihnachtspalme. Alles in allem ein sehr gemütlicher, feierlicher, besinnlicher und überraschenderweise doch sehr weihnachtlicher Abend.

Außer dem Weihnachtsgottesdienst am Morgen des 1. Weihnachtsfeiertages, der nicht wirklich anders ablief als die üblichen Sonntagsandachten, habe ich leider nicht wirklich etwas von der ghanaischen Art die Weihnachtstage zu verbringen, mitbekommen. Abgesehen davon, dass Weihnachtslieder gesungen wurden, die Kirche mit bunt blinkenden Lichterketten und zwei Plastikweihnachtsbäumen ausgestattet und die Weihnachtsgeschichte Grundlage der Predigt war, hat sich die Weihnachtszeremonie auch nicht wirklich von den allsonntäglichen Gottesdiensten unterschieden. Zu unserem Erstaunen endete der Gottesdienst sogar eine gute halbe Stunde früher als gewöhnlich.

Nicht nur in der Kirche, sondern auch in der ganzen Stadt war es leer und es wirkte wie ausgestorben. Viele der Einwohner waren in ihre Heimatsstädte und – dörfer zu ihren Großfamilien gefahren, um dort gemeinsam zu feiern. Ich weiß nicht, was ich mir genau von einem ghanaischen Weihnachtsfest versprochen oder was ich erwartet habe, aber das auf jeden Fall nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass es so ruhig in der Stadt wird, dass plötzlich kaum mehr Musik ertönt und der Gottesdienst an so einem feierlichen Tag sogar kürzer ist als ein gewöhnlicher Sonntagsgottesdienst. Ich konnte irgendwie nicht glauben, dass ein so bedeutender Tag von einer so christlich geprägten Stadt so wenig gefeiert wurde oder vielleicht lag es auch daran, dass ich mir unter der Art des Feierns etwas anderes vorgestellt hatte. Soweit ich das mitbekommen und von Ghanaern erfahren habe, bestand dies aus Gottesdienstfeiern und gemeinsam Essen, irgendwie schien mir das für eine so tanz-, gesangs- und feierfreudige Kultur zu simpel. Ein Ghanaer erzählte mir sogar, dass er wahrscheinlich den ganzen Tag Fernsehen geguckt und sich mit Computerspielen die Zeit vertrieben hätte, hätte er sich nicht doch entschieden zur Kirche zu gehen. Laut eines befreundeten Ghanaers könne man in Ho aber auch einfach kein Weihnachten feiern, weil es hier kein Meer und keinen Strand gebe, man müsse entweder an die Küste fahren oder zu den Wasserfällen nördlich von der Hauptstadt der Volta Region.

Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass ich wahrscheinlich keinen Einblick in ein Weihnachtsfest in ghanaischem Stil bekommen würde, habe ich die zwei verbleibenden Feiertage doch noch sehr nett in Gesellschaft meiner Mitfreiwilligen verbracht.

Kurz vor Silvester habe ich mich mit Augustin auf den Weg an die Küste gemacht, um in einem kleinen Örtchen nach Einbruch der Dunkelheit bei einer Strandnachtwanderung teilzunehmen in der Hoffnung Schildkröten zu sehen, die um diese Jahreszeit aus dem Wasser kommen, um ihre Eier im Sand zu vergraben. Trotz eines fast 3-stündigen Marsches durch den Sand haben wir nur drei tote Schildkröten gesehen, aber leider keine einzige Lebendige, die wenn sie ausgewachsen sind bis zu 2 Metern lang werden können. Zwei Tage später meinte das Glück es aber doch noch gut mit uns und wir haben kurz nach Aufgang der Sonne am Strand frisch geschlüpfte Schildkröten auf ihrem Weg ins Meer beobachten können.

Am Silvesterabend haben wir unter Kokosnusspalmen, mit einem großen Feuer am Strand und einigen anderen Freiwilligen an einem idyllischen Strand in der Nähe eines Fischerdorfes gefeiert. In einer der letzten Stunden des alten Jahres hat es mich und eine andere Mitfreiwillige in eine kleine Kirche gezogen, von der wir schon den ganzen Abend Gesang vernommen hatten. Die Kirche bestand eigentlich nur aus vier Außenmauern und einem Dach, ein Boden war nicht gebaut worden, was dem Gebäude aber den eigentlichen Charme verlieh, da der Gottesdienst barfuß auf Sandboden gefeiert wurde. Die kleine Gemeinde, die sich versammelt hatte, stand in einem Kreis um den Pastor herum, der auf der regionalen Sprache „Fanti“ wild gestikulierend und mit einem großen Stimmenvolumen predigte, was immer wieder durch spontane Gesänge unterbrochen wurde. Kurz vor Mitternacht wurden alle nicht wünschenswerten Ereignisse, die einem im kommenden Jahr zustoßen könnten, weggewünscht, indem in einem stetigen Rhythmus vom Pastor alles Unerwünschte ausgerufen wurde und die Gemeinde dieses daraufhin symbolisch mit erhobenen Händen aus der Kirche geworfen hat. Dieses wurde durch ein stetiges „Away“-Rufen untermauert und bekam durch den gleichbleibenden Rhythmus des Wechsels von Ausrufen des Pastors und der Antwort der Gemeinde eine meditative Note. 

Frisch im Jahr 2013 angekommen, habe ich mich mit Augustin auf den Weg gemacht, um weiter an der westlichen Küste entlang in Richtung eines Nationalparks zu fahren. Auf dem Weg dorthin haben wir noch einen Zwischenstopp bei einem holländischen Paar gemacht, die vor neun Jahren nach Ghana ausgewandert sind und sich auf einem Grundstück in der Nähe des Regenwaldes eine Auffangstation für junge Tiere aufgebaut haben. Im Regenwald machen einige Wilderer Jagd auf Tiere aller Art, dabei lassen sie jedoch die Jungtiere zurück, welche somit auf sich alleine gestellt sind und kaum eine Chance haben so zu überleben. Auf Grund der Bitte des Paares werden zurückgelassene Jungtiere somit zur Auffangstation gebracht. Dort werden diese aufgezogen und bestmöglich auch wieder in die Natur freigelassen.

Im Moment kümmern sich die beiden Holländer um einige Affenarten, mehrere junge Alligatoren, Wild- sowie Hauskatzen, Papageien, Schildkröten, einen Skorpion, eine Antilope und eine Schlange.

Nachdem wir zum Abendbrot köstlichste Bratkartoffeln bekommen hatten, haben wir die Nacht oben auf dem Berg des Grundstückes in einem Zelt, umgeben von nächtlichen Tiergeräuschen, verbracht. Am nächsten Morgen sind wir weiter in den Kakum Nationalpark gefahren, um dort eine Führung über Hängebrücken zu machen, die zwischen den Kronen der Urwaldbäume montiert wurden. Die Prophezeiung des holländischen Paares, dass wir keine Tiere zu Gesicht bekommen würden, bewahrheitete sich leider. Dies wurde uns selber aber auch spätestens bewusst, als wir mit einer Gruppe bestehend aus zwanzig kreischenden, schreienden und laut lachenden Ghanaern in den Regenwald aufgebrochen sind. Aufgrund des Geräuschpegels war kaum irgendein anderes Geräusch zu vernehmen, geschweige denn Tiergeräusche oder wenigstens die angenehme Stille der Natur. Somit haben wir eine Weile gewartet bis die Meute alberner ghanaischer Touristen ihren Rundgang beendet hatte und haben selbst die in bis zu 40 Metern Höhe angebrachten Hängebrücken bestritten. Auch wenn wir außer einem in der Ferne vorbeifliegenden Adler keine Tiere zu Gesicht bekommen haben, war es ein lohnenswerter Ausflug.

Pünktlich zurück zum Schulbeginn in Ho, bin ich am Montag nach unserer Rückkehr munter mit dem Fahrrad zur Kekeli Schule geradelt. Aber wie es so oft passiert war ich die Einzige, die pünktlich erschienen war. Um ehrlich zu sein war außer mir allgemein überhaupt niemand gekommen. Wie ich später erfahren habe, wurden die Ferien um einen Tag verlängert, da an dem besagten Tag die Amtseinführung des am 7. Dezembers gewählten Präsidenten John Mahama stattfand.

Aber auch als ich am Dienstag in die Kpodzi Schule ging, um mein Leseprojekt weiterzuführen, hatte ich auch nicht viel mehr Glück. Es waren gerade mal ein Drittel der Schüler der gesamten Schule aus den Ferien zurückgekehrt, sodass kein wirklicher Unterricht stattfand und ich auch nicht starten konnte, da kaum ein Schüler meines Projektes anwesend war. Ich habe trotz der niedrigen Anzahl an Schülern an den darauffolgenden Tagen wieder mit dem Lesen mit einigen Kindern begonnen, was auf eine freudige Resonanz stieß, da sonst kaum ein Lehrer die Woche über in der Schule erschien und die Schüler von acht Uhr morgens bis zum frühen Nachmittag sich selbst in den Klassenräumen beschäftigen sollten. Am Freitag bin ich auf ein neues wieder zur Kekeli Schule gefahren und diesmal waren immerhin ein paar der Schüler da. Nach dem Morgenappell, der an diesem Tag erst eine gute Stunde später stattfand, habe ich noch eine Stunde bis zur ersten Pause mit den sechs Kindern meiner Klasse, die gekommen waren, gebastelt. Die Pause endete für den Tag auch nicht mehr, sodass ich bis zum Mittagsessen mit den Kindern auf dem Schulhof Ampe und sonst noch so einige Spiele gespielt. Nach einer leckeren Portion Reis mit „Stew“ haben mich zwei andere Lehrerinnen mit zu Sister Berthas Haus genommen, um ihr einen Krankenbesuch abzustatten. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie entspannt man an seinen Beruf herangehen kann und wie selbstständig die Kinder schon im frühen Alter sein müssen.

Nach der holperigen ersten Woche komme ich so langsam wieder in meinen gewohnten Schulalltag rein und freue mich wieder täglich mit den verschiedensten Kindern zu tun haben zu können. Die einen freuen sich so sehr, dass ich ihnen versuche das Lesen beizubringen, dass sie mich damit schon für den Rest des Tages glücklich machen, die anderen haben großen Spaß daran mir ghanaische Kinderspiele beizubringen und andere wiederum sind so interessiert an mir und daran wo ich herkomme, sodass sie immer wieder schüchtern zu mir kommen und fragen, ob sie mir noch ein paar Fragen stellen dürfen.

Und auch wenn man sich ab und zu immer mal wieder ärgert, weil der ein oder die andere einem frech gegenübertritt, so gibt es auf der anderen Seite immer wieder Dinge, die einen daran erinnern, warum man diese Kinder so liebgewonnen hat.

In diesem Sinne schicke ich euch ganz liebe Neujahrgrüße und wünsche euch alles Gute für das gerade begonnene Jahr.

Alles Liebe, eure Luise